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19.11.2020 - Seit Dezember 2019 finden auf dem Gelände der Goethestraße, vormals Kita Marienheim, umfangreiche archäologische Voruntersuchungen durch das Landesamt für Denkmalpflege statt.
Grabung Bild 1 Querschnitt Kalkbrennofen
Ansicht des Querschnittes durch den Kalkbrennofen. Im unteren Drittel Reste der letzten Beschickung in kräftigem Weiß. Teilweise besteht dieser Bereich noch aus vollständigen, meist großformatigen Kalksteinen, teilweise aber bereits aus produziertem Kalkgruß. In den oberen Dritteln unterschiedliche Verfüllungen aus verziegeltem Material. In der Mitte (der große Bereich in orange) dürfte sich ein Rest der eingestürzten Lehmkuppel zeigen.

Im Außenbereich werden sukzessive Flächen geöffnet, um Bodendenkmäler, die durch die Planung eines neuen Parkhauses mit Tiefgarage zerstört werden, zu untersuchen und zu dokumentieren. Mit den bisherigen Ausgrabungsergebnissen lässt sich bereits jetzt die wechselvolle Entwicklung der freien Reichsstadt Wetzlar, ausgehend von der Gründung eines Stifts am Ende des 9. Jahrhunderts, nachzeichnen – ebenso wie die frühe städtische Entwicklung im Hochmittelalter, die geprägt war durch kriegerische Auseinandersetzungen, als auch die der frühen Neuzeit.

Doch lieferten die bisherigen Untersuchungen auch zahlreiche neue Erkenntnisse und Funde, die für die Stadtgeschichte von Bedeutung sind. So konnte ein Fundament eines mehrgeschossigen Gebäudes aus dem 17. bis 18. Jahrhundert aufgedeckt werden, welches weder auf historischen Ansichten der Stadt noch auf dem Urkataster verzeichnet war. Unerwartet war zudem auch die Aufdeckung von mehreren Flachdarren zur Flachsverarbeitung sowie zwei Kalkbrennöfen aus dem 13. Jahrhundert, die zur Herstellung von Mörtel im ehemaligen Stiftsbezirk dienten und auf eine rege Bautätigkeit verweisen. In eben jenen Zeitraum fallen der Ausbau der Stadtbefestigung sowie die Errichtung der Stiftskirche, des heutigen Wetzlarer Doms.

Grabung staufische Stadtmauer aus dem 12. Jahrhundert
Links das breite Fundament von Befund 340; die staufische Stadtmauer aus dem 12. Jahrhundert; rechts das schmalere Fundament von Befund 334, eine Hälfte eines stadtmauernahen Gebäudes. Stratigraphische Hinweise sowie die Ähnlichkeit des Mörtels und der Konstruktion unterstreichen die zeitgleiche Errichtung. Daraufhin deutet auch die Überlagerung durch das jüngere Fundament von Befund 363 (Spätmittelalter)

Erstmalig ließ sich nun bei diesen Untersuchungen auch die Existenz einer bisher nur vermuteten ersten Stadtbefestigung aus dem 12. Jahrhundert nachweisen. Eine Turmkonstruktion sowie die Überreste eines an die gut erhaltenen Mauerreste angebauten Gebäudes bestätigen die bisher nur angenommene dichte Bebauung im Herzen der hochmittelalterlichen Stadt. Der starke Aufschwung und der damit verbundene Wohlstand während dieser Epoche, in der Wetzlar zur freien Reichsstadt aufstieg, werden auch durch die hohe Funddichte und ein großes Fundspektrum bestätigt. So finden sich nicht nur Keramik- und Glasfragmente, Trachtbestandteile, Handwerksgeräte, sondern auch Speiseabfälle und Münzen. Schließlich konnten weitere Hausgrundrisse sowie Speichergruben einer bronzezeitlichen Siedlung auf dem Gelände untersucht und dokumentiert werden. Ein Beleg für die frühe vorgeschichtliche Besiedlung um 3.500 v. Chr. auf diesem exponierten spornartigen Gelände über dem Zusammenfluss von Dill und Lahn.