Festspiel-Tradition seit 1953
Technik aufbauen, Stühle stellen, Arbeitsstunden verwalten
Dehmers Firma CB Akustik mit Sitz in Dalheim hat die Produktionsleitung der Wetzlarer Festspiele inne. Dehmers Kollege André Reitz fungiert als Technischer Leiter der Festspiele. An diesem Tag ist der Chef selbst am Start – heute als „Eventkrake“, wie er sich selbst lachend bezeichnet. Neben der Bedienung der Licht- und Tontechnik und dem Aufbau derselben gehört zum dem Job auch die komplette Vorplanung der Veranstaltungen sowie die Koordinierung der Helfer. Insgesamt 88 Helfer verzeichnet Festspiel-Geschäftsführer Miguel Marcos Navas in diesem Sommer. 47 davon sind bezahlte Kräfte, 41 sind ehrenamtliche Helfer. Schon am frühen Nachmittag gibt es viel zu tun: Lampen aufhängen und ausrichten, Boxen aufstellen, alles verkabeln, Stühle stellen. Die Aushilfen an diesem Tag: Zumeist Schüler, die sich neben dem Abitur ein bisschen was dazu verdienen wollen.
„Wir brauchen alle Stühle“, fordert Benjamin Dehmer auf. Das heißt: Die Zehnerstapel mit Stühlen aus dem Lagerbereich mit der Sackkarre in den Lottehof fahren, zählen, Stühle stellen, dabei unbedingt auf die Mindestabstände und Sichtlinien achten. 400 Plätze fasst der Lottehof, die Veranstaltung „Frank und die netten Nachbarn“ mit dem Wetzlarer Entertainer Frank Mignon an diesem Abend ist so gut wie ausverkauft. Dass sich das Lager im Lottehof unter freiem Himmel befindet, hat seinen Preis: Alle Stühle müssen noch abgewaschen und vom Schmutz befreit werden.
Die Künstler sind derweil auch eingetroffen, haben die „Garderobe“ in den Räumen des Stadt- und Industriemuseums bezogen und warten ungeduldig auf den Moment, in dem sie auf die Bühne dürfen. Gerne möchten sie noch ein paar Stücke durchspielen. „Wir proben immer genau einmal alle zusammen für diesen Abend“, berichtet Frank Mignon. Mit Dirk Daniels kommt an diesem Abend außerdem ein weiterer stadtbekannter Entertainer auf die Bühne, auch sein Gastspiel muss noch einmal durchgeprobt werden. Benjamin Dehmer lässt sich jedoch nicht aus der Ruhe bringen, Schritt für Schritt richtet er seinen Technikarbeitsplatz ein und belegt die Kanäle von Misch- und Lichtpult.
Mittlerweile ist auch André Reitz vor Ort, er kümmert sich um die Koordination der Helfer für die letzten Handgriffe: Die Tresen für Abendkasse sowie die Decken- und Kissenausgabe aufbauen, Banner von Werbepartnern hängen, die Trendwand zu den Toiletten aufbauen, und, zu guter Letzt: Die geleisteten Stunden der Aushilfskräfte erfassen und ins System eintragen. Eine übersichtliche App-Lösung leistet hierbei gute Dienste.
Freilichtbühne Rosengärtchen
Szenenwechsel, Freilichtbühne Rosengärtchen. Seit zwei Tagen ist die Musical-Gruppe der Goetheschule hier „eingezogen“. Die Vorbereitungen für die Aufführung von Shakespeares „Was ihr wollt“ laufen auf Hochtouren. Während sich die Gruppe gerade bespricht, reinigen zwei Aushilfskräfte noch die Stuhlreihen im Rosengärtchen vom Müll, den Besucher hier hinterlassen haben.
André Reitz sitzt hoch oben über den Stuhlreihen in der Technikkabine hinter zahlreichen Scheinwerfern und Pulten und wirkt entspannt: Die Gruppe der Goetheschule regelt fast alles selber. „Ich bin nur hier, um die Abläufe zu koordinieren und zu schauen, dass unsere Technik läuft“. Im Gegensatz zum Lottehof bietet das Rosengärtchen eine feste Infrastruktur. Die Sitze sind fest montiert, die Technik kann abends eingelagert werden. Dank Nachtwache können Teile davon sogar stehen bleiben. Es gibt Garderobenräume, eine große Maske, Duschen und Toiletten. Doch nicht nur die Backstage-Räume und den Regieraum weiß Reitz zu schätzen. Auch die verspielte Naturstein-Bühne mit ihren zahlreichen Türmchen, Mauern und Treppen mag er. „Die Bühne ist dankbar – mit ein paar Scheinwerfern kann man hier zwischen den Bäumen schon eine wunderbare Atmosphäre zaubern“. Dritte Spielstätte ist seit einigen Jahren der Leitz-Park – hier wird eigens eine Bühne auf dem Gelände errichtet.
Wichtigste Unbekannte: Das Wetter
Ein wichtiger Aspekt bei der Veranstaltungsreihe ist wie bei allen Veranstaltungen das Wetter. Miguel Marcos Navas befindet sich während der Saison quasi in Dauerschleife mit dem Deutschen Wetterdienst. Er vergleicht Daten von zwölf verschiedenen Wetterseiten und telefoniert einmal täglich mit dem DWD. In der Regel fällt die Entscheidung, ob im Freien gespielt werden kann oder die Aufführung in die Stadthalle verlegt wird, zwischen 7.30 Uhr und 9 Uhr morgens. Gäste können sich dann auf der Webseite oder am Wettertelefon informieren. „Wir haben bei einigen Produktionen dann immer noch ein bisschen Handlungsspielraum“, erklärt Benjamin Dehmer, aber irgendwann heißt es: Augen zu und durch. Falls es einmal frisch wird, können die Gäste neben Sitzkissen auch kuschelige Kolter gegen eine kleine Gebühr und Pfand ausleihen.
Die Wetzlarer Festspiele haben eine lange Tradition. 1953 fanden sie erstmals im Rosengärtchen unter dem Namen Industriefestspiele statt. Auf der Webseite der Festspiele ist dazu zu lesen: „Fanfarenklang hat am Montagabend im Rosengarten den Beginn der Industriefestspiele 1953 strahlend verkündet. Auf einem der wuchtigen Türme der neuen Freilichtbühne standen vor mehr als 2000 Gästen Bergmänner in ihren schmucken Trachten, Angehörige des Werksorchesters der Buderus´schen Eisenwerke und bliesen eigens für die Festspiele geschaffene Klänge in den verklärten Abend“.
Kuriose Randnotizen
Seitdem hat sich bei den Wetzlarer Festspielen viel verändert – aber vieles ist auch geblieben. Auch die Fanfare erklingt jeden Abend statt eines Gongs oder eine Glocke – allerdings kommt sie heute vom Band. Insgesamt acht Vorstandsvorsitzende haben die Festspiele, die als Verein organisiert sind, seitdem erlebt. Seit 2010 hat Dr. Dieter Lefèvre den Posten inne. Auch die künstlerische Leitung lag seit 1958 in bisher acht verschiedenen Händen – 2019 übernahm Evangelia Sonntag. Doch niemand hat bei den Wetzlarer Festspielen so lange einen Posten inne wie Geschäftsführer Miguel Marcos Navas. 1992 nach der Jubiläumssaison übernahm er die Geschicke der Festspiele und leitet sie bis heute. Er hat viele kuriose Geschichten erlebt, an zwei erinnert er sich aber ganz besonders. 1994 wurde „Der fröhliche Weinberg“. Kurt Müller-Graf spielte einen Beschwipsten der auf der Bühne fröhlich rumtorkelte. Dabei verlor er die Kontrolle und stürzte von der Bühne. Diese war damals im Rosengärtchen noch 1,60 Meter hoch. Er kam zwar mit beiden Füßen auf den Boden auf und spielte seine Rolle weiter. Er hatte sich aber beide Beine gebrochen. Marcos Navas erinnert sich: „Die Zuschauer merkten nichts davon, denn durch seine Rolle konnte er torkelnd von zwei anderen Schauspielern wieder auf die Bühne gehoben und von der Bühne begleitet werden. Der Regisseur und ich merkten sehr wohl, dass etwas nicht in Ordnung war. Ich habe vorsorglich die Malteser gerufen, die Müller-Graf ins Krankenhaus brachten. Dort stellte man die Brüche fest. Müller-Graf
wurde am nächsten Tag in Begleitung seiner Frau per Liegendtransport heimgefahren“. Auch Regressforderungen seitens Publikum sah sich das Team schon gegenüber: „Eine Zuschauerin im Lottehof hat sich an der Abendkasse beschwert, dass ein Vogel seine Hinterlassenschaft auf ihrer Hose hat fallen lassen. Sie fragte ob wir die Reinigung bezahlen würden. Mein Mitarbeiter fragte sie, ob sie den Vogel fotografiert hätte? Sie verneinte und mein Mitarbeiter sagte zu ihr, dass man ohne Täterbeweis nichts machen könne.“
Festspiele im Wandel der Zeit
Vermutlich könnte man über solche kuriosen Begebenheiten als Veranstalter ganze Bücher schreiben. Wichtiger ist aber, was am Ende einer Saison tatsächlich in den Büchern steht. In Zeiten, in denen die Kulturbranche unter dem allgemeinen Rückgang bei den Besucherzahlen und den stark gestiegenen Produktionskosten leidet, sind die Wetzlarer Festspiele eine weit über die Grenzen der Stadt hinaus bekannte Institution, die nicht aus dem Veranstaltungskalender der Stadt wegzudenken ist. Rund ein Viertel der Aufführungen sind ausverkauft. Dabei bieten die Festspiele alljährlich eine gelungene Mischung aus Schauspiel, Musiktheater, Musical, Kabarett, Musik und Kleinkunst. Die Musicalgruppe der Goetheschule und das Neue Kellertheater Wetzlar sind regelmäßige Gäste. Tatsächlich sieht aber auch Miguel Marcos Navas eine Veränderung beim Publikum: „Die Neigung geht immer mehr zu leichter Kost. Anspruchsvolle Veranstaltungen wie etwa ein Schauspiel haben es schwer Zuschauer zu finden.“ Ein Blick in die Spielpläne der vergangenen Jahre zeigt: Deutlich weniger Klassiker kommen zur Aufführung, Namen wie Grillparzer, Sophokles oder Wagner finden sich heute seltener im Angebot als in den Anfangstagen.
Termine & Tickets
Jetzt, im Juli, gehen die Wetzlarer Festspiele in die Hauptphase über: 21 Veranstaltungen stehen im Juli an den drei Spielstätten noch auf dem Programm, im August sind es nochmal drei. Für meisten Events gibt es noch Karten. Spielplan, Tickets und alle Infos unter: www.wetzlarer-festspiele.de.
