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Tägliche Altstadtführungen durch Wetzlar geben spannende Einblick in die Historie: Wie lang ist eine Wetzlarer Elle und warum gab es in Wetzlar überhaupt ein eigenes Längenmaß? Warum besteht der Wetzlarer Dom aus verschiedenen Gesteinsarten und somit Farben? Und warum ist der Dom eigentlich überhaupt kein Dom? Warum heißt der Schillerplatz Schillerplatz, obwohl Schiller niemals in Wetzlar war? Warum ist der Fischmarkt eigentlich so schräg? Und warum brauchte Goethe nach seiner Ankunft in Wetzlar im Jahr 1772 drei Tage, um drei Häuser weiter zu gehen? All diese spannenden Fragen beantworten die Wetzlarer Gästeführer bei den öffentlichen täglichen Altstadtführungen. Wir haben Gästeführer Sven Bühler bei einer Tour begleitet.
Bei den Altstadtführungen tauchen die Teilnehmer ein in die bewegte Geschichte der einstigen Reichs- und heutigen Kreisstadt und Oberzentrums. Die Stadtführungen geben dabei Einblick in die Vor- und Frühgeschichte, reißen aber auch kurz die heutige Stellung Wetzlars als Industriestandort und Sportstadt an. Dabei steht die malerische Altstadt im Fokus.
Am Domplatz
Der Wetzlarer Dom wirkt wie ein Stückwerk. Ist er auch! Gästeführer Sven Bühler erklärt, warum das so ist. © Sabine Glinke
Start ist immer am Brunnen auf dem Domplatz, die Teilnahme ist nur mit im Voraus gebuchten Tickets möglich. Vom Domplatz, der einst auch ein großer Marktplatz war – auch heute findet hier noch zweimal in der Woche der Wochenmarkt statt - geht es über die verschiedenen Märkte der einstigen blühenden und an der Hohen Straße gelegenen Handelsstadt Wetzlar, in der vor allem die Wollproduktion florierte. Vor dem geistigen Auge lässt Bühler das mittelalterliche Wetzlar auferstehen, man fühlt sich bei den Erzählungen problemlos in die engen und düsteren Gassen und die trubeligen Marktplätze früherer Zeiten versetzt.

Brand, Pest und Dreißigjähriger Krieg

Die Wetzlarer Elle
Was ist die Wetzlarer Elle und warum wurde sie eingeführt? © Sabine Glinke
Doch nicht immer war Wetzlar, dessen genaues Entstehungsdatum nicht bekannt ist – eine Stadt der Blüte: Bei der Stadtführung lernen die Gäste auch die dunklen Seiten kennen, hören über den verheerenden Brand aus 1334, der weite Teile der Stadt vernichtete. 1349 folgte die Pest, die in einem Pestpogrom endete, weil man den Juden die Schuld an der Seuche gab. Wetzlar durchlebte auch einen Stadtbankrott, eine zweite Pestepidemie und den Dreißigjährigen Krieg. Als sich 1689 das Reichskammergericht in Wetzlar ansiedelte, zählte die Stadt gerade noch einmal 1500 Einwohner. Doch das Gericht und die sich damit ansiedelnden Adligen ließen die Stadt erneut wachsen und florieren. In dieser Zeit entstanden die prunkvollen Stadtpalais im Stil des Barocks und Rokoko, die heute neben den mittelalterlichen Bauten das Bild der Altstadt prägen und ebenfalls Stationen bei der Altstadtführung markieren.
Vom Dom und dem historischen Haus, in dem heute die Tourist-Information untergebracht ist, führt der Weg auf den Fischmarkt und an die „Alte Kammer“, jenes Haus am Fischmarkt 13, in dem das Reichskammergericht seinen Sitz hatte und das heute das „Café am Dom“ beheimatet, in dem man in traditioneller Einrichtung Kuchen und Torten genießen kann. Hier treffen wir erstmals auf Johann Wolfgang Goethe, der sich 1772 als Praktikant am Reichskammergericht eintrug, aber keine Lust hatte, wirklich Jurist zu werden. Die Besucher sehen am Brodschirm das älteste Haus Wetzlars von 1356, das heute in optischem Kontrast zum 70er-Jahre-Bau des Stadthauses am Dom steht, das in spätestens zwei Jahren abgerissen werden und historischen Domhöfen weichen soll.

Im heutigen Steakhaus lebte Goethe

Haus zur Sonne
Wetzlars Fachwerkhäuser erzählen Geschichte(n). Ein Blick nach oben lohnt daher. © Sabine Glinke

Es geht zum Haus, in dem Goethe während seiner Zeit in Wetzlar lebte, an den Kornmarkt (heute ein Steakhaus). In Sichtweite lebte auch Hofrätin Lange, Goethes Großtante, in der Schmiedgasse 1. Die Führung erzählt von den verschiedenen Fachwerkstilen und Bauweisen, die Gäste lernen, wie die Straßennamen entstanden sind, als das preußische Postsystem entstand (und nein, die Rosengasse heißt nicht so, weil dort Rosen wachsen…), steigen über schmalen Treppen mit Ablaufrinnen (vor Erfindung der Kanalisation wurde die Notdurft aus Fenstern entsorgt). Immer wieder verweist Bühler auch auf die zahlreichen Wetzlarer Museen – etwa das Reichskammergerichtsmuseum oder das Palais Papius mit seiner außergewöhnlichen Möbelsammlung, die einen Besuch lohnen. Spannend wird die Führung durch das große Detailwissen des Stadtführers und die vielen kleinen Anekdoten, die die vielen Jahreszahlen aufpeppen und geistreich anreichern. Und natürlich kommt auch die Literatur nicht zu kurz, schließlich fand Goethes berühmter Briefroman „Die Leiden des jungen Werthers“ seinen
Ursprung in Wetzlar und legte gleichermaßen das Fundament für die Dichterkarriere Goethes – das Jerusalemhaus am Schillerplatz und das Lottehaus im Lottehof, einem historischen Wirtschaftshof,
sind demnach natürlich unumgängliche Stationen.


Alte Münz
Eine Altstadtführung ist die Alte Münz am Eisenmarkt. Sven Bühler empfiehlt, besonders auf die Inschriften zu achten. © Sabine Glinke
Zwar bringt jeder Stadtführer eine persönliche Note und einen eigenen Fokus in die Führungen mit ein, im Fokus steht aber immer die Altstadt – ein mehrmaliger Besuch einer Führung auch für „Wetzlar-Wiederkehrer“ ist daher nicht nur möglich, sondern auch absolut empfehlenswert. Denn: So viele Details kann man sich in 1,5 Stunden gar nicht merken. Wer die Fragen aus dem Vorspann dieses Textes beantwortet haben will, für den bleibt sowieso nur eine Möglichkeit: Buchen und an einer Stadtführung teilnehmen.

Ticketbuchungen & Corona-Schutzmaßnahmen

Tickets für die täglichen Altstadtführungen (Start immer um 14 Uhr am Brunnen auf dem Domplatz) gibt es hier: www.wetzlar.de/tourismus/planen-und-buchen/oeffentlichefuehrungen.php. Aktuell sind die Führungen auf Grund der Corona-Schutzmaßnahmen auf 15 Gäste limitiert, eine Teilnahme ist nur mit einem im Voraus gebuchten Ticket und entsprechender Registrierung möglich. Ein Mund-Nasenschutz wird empfohlen, außerdem müssen die Mindestabstände von den Teilnehmern eingehalten werden. Individuelle Gruppenführungen können zusätzlich unter: www.wetzlar.de/tourismus/planen-und-buchen/gruppenangebote.php gebucht werden.