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113 Jahre lang wurde in Reuschlings Backstubb am Wetzlarer Domplatz gebacken. 2019 war dann Schluss – Inhaberin Sissy Hoffmann beendete den Bäckereibetrieb in vierter Generation. Seit 2024 erwacht die Backstube am Domplatz 1 wieder regelmäßig zu neuem Leben. Zum Brückenfest-Sonntag, 7. September, feiert auch der angrenzende „neue alte“ Laden, wie Sissy Hoffmann ihn nennt, Neueröffnung in neuem Glanz und mit altem Charme.
In die Bäckerei am Domplatz 1 ist wieder Leben eingekehrt.
In die Bäckerei am Domplatz 1 ist wieder Leben eingekehrt. © Sabine Glinke

Das bedeutet jedoch nicht, dass ab dann die Wetzlarer wieder regelmäßig Brot, Brötchen, Kuchen und Gebäck kaufen können, auch wenn sich das viele Stammkunden von früher sicher wünschen würden. Das Konzept ist ein anderes: Sissy Hoffmann gibt in den heimeligen Räumen ihr Wissen zum Thema Brotbacken an andere Menschen weiter. Doch der Reihe nach.

Die Schließung der Wetzlarer Traditionsbäckerei, die 1906 durch Bäckermeister Karl Reuschling Senior gegründet worden war, hatte 2019 hohe Wellen geschlagen. „Still und leise“ hatte sich Sissy Hoffmann mit ihrem Team damals vom Markt verabschiedet. „Ich wollte die Schließung nicht an die große Glocke hängen. Also haben wir einfach ein Schild herausgehängt, dass wir geschlossen haben“, erzählt Hoffmann heute. Fehlendes Personal führte damals zu der Entscheidung, Bäckereibetrieb und Laden einzustellen und zu schließen. „Letzten Endes habe ich das vor allem wegen den verbliebenen Mitarbeitern gemacht“, berichtet die Bäckereierbin. „Es gab Mitarbeiter, die waren schon bei uns, als ich noch als Kind hier mit in der Backstube war“. Der Mangel an nachwachsendem Personal und der zunehmende Druck in der Branche habe schließlich zu einer Überlastung der Mitarbeiter geführt. „Die haben wirklich alle alles gegeben, um den Laden hier am Leben zu halten“. Der enorme Druck und die damit hohe Verantwortung für die Mitarbeiter – das war Hoffmann, die die Bäckerei zu diesem Zeitpunkt nebenberuflich führte, zu viel. „Ich wollte das einfach nicht mehr, vor allem wegen der Mitarbeiter“. Als diese alle andere Jobs gefunden hatten, machte Sissy Hoffmann Schluss. Am Domplatz 1 ging sprichwörtlich der Ofen aus.


Wo bekommt man denn noch gutes Brot?

Gutes Brot wie dieses ist heutzutage eine Seltenheit.
Gutes Brot wie dieses ist heutzutage eine Seltenheit. © Reuschlings Backstubb

Es folgten Versuche, die Backstube zu verpachten – doch niemand biss so wirklich an. „Ja, es gab Anfragen, aus den Räumen eine Gastronomie zu machen, aber der Umbau wäre sehr aufwendig und kostenintensiv.“ Sie blickt sich in der gemütlichen und urtümlich anmutenden Backstube um: „Verkaufen ist irgendwie nie in Frage gekommen. Daher war das hier lange Zeit ein Lost Place“. Offenbar hatte Hoffmann ein entsprechendes Bauchgefühl, dass ihr irgendwann schon die richtige Idee kommen würde. Und sie kam. Immer wieder sei sie in Wetzlar von Menschen angesprochen worden, die das gute Bauernbrot aus der Backstube schmerzlich vermissten. „Mir selbst ging das ja auch so – wo bekommt man denn heute noch wirklich gutes Brot?“


Brotbacken erlernen und erleben

Dann kam Corona und Sissy Hoffmann hatte eine Idee: Sie begann, zu Hause ihr eigenes Brot zu backen und ihr Rezept immer weiter zu verfeinern. „Dazu muss man sagen: Ich bin selbst keine gelernte Bäckerin, aber ich habe das Thema Backen und Backstube quasi von Kindesbeinen an mit der Muttermilch aufgesogen, außerdem hat mein Vater (mittlerweile ist Ernst Reuschling verstorben, Anmerkung der Redaktion) mich dabei sehr stark unterstützt.“ In ihr reifte der Wunsch, die Reuschlingsche Backtradition an andere weitergeben zu wollen.

Der Teig eines guten Brotes braucht Zeit zum Gehen.
Der Teig eines guten Brotes braucht Zeit zum Gehen. © Reuschlings Backstubb

Immer mehr Freunde und Bekannte kamen in den Genuss ihres Brotes – und fragten nach dem Rezept. Doch: „Ich kann jemandem ein Rezept aufschreiben, doch damit ist es beim Brotbacken nicht getan“. Ein gutes Brot brauche vor allem Zeit – und Erfahrungswerte. „Ich kann mir zigmal auf YouTube anschauen, wie jemand Brot backt“, doch das Brotbacken müsse man selbst erleben – „man muss das riechen, fühlen, wie sich so ein Teig anfühlt, erfahren, dass dieser sich schon bei wenigen Grad Unterschied in der Umgebungstemperatur anders verhält“. Das neue Konzept war geboren und im einstigen Lost Place am Domplatz kehrte wieder Leben ein. In dreitägigen Brotbackkursen gibt Sissy Hoffmann seitdem ihr Wissen weiter und bringt Menschen bei, ihr eigenes Sauerteigbrot zu backen. Drei Tage lang? Ja, denn der Teig für ein gutes und bekömmliches Brot brauche Gehzeiten von mindestens 48, besser 72 Stunden, damit die Hefe ihre Arbeit machen könne. Natürlich sind die Teilnehmer nicht drei volle Tage in der Backstube, denn die meiste Zeit braucht der Teig zum Gehen. Der Kurs ist aber unterteilt in drei verschiedene Module, die sich auf drei Abende verteilen. Das Ziel: Die Teilnehmer befähigen, zu Hause ab sofort ihr eigenes Brot zu backen.

An den Kursen gefällt Sissy Hoffmann vor allem die Dynamik, die jeder Kurs entwickelt. Die Teilnehmer hätten völlig unterschiedliche Erfahrungen, die sich teils prima ergänzten – am Ende des Kurses seien dann aber alle auf demselben Stand. Viele hätten das Brotbacken zu Hause auch schon ausprobiert – und seien gescheitert. Das läge oft auch am falschen Werkzeug. Und so kann man sich bei den Kursen dank eines Deals mit einem Fachhändler auch noch entsprechend mit allem eindecken, was man dafür braucht, damit das Brotbacken auch zuhause gelingt.

Wie Phönix aus der Asche

„Anfangs war ich skeptisch, ob das Konzept denn funktionieren würde“. Aber: Es schlug ein wie eine Bombe. Das Angebot wurde zunächst über einen Zeitungsartikel in der Wetzlarer Neuen Zeitung beworben – „um 6.15 Uhr morgens war die erste Mail da, um 12 Uhr waren es schon 20 Mails“. Und so ging es weiter – sucht man heute auf der Internetseite der Backstube nach einem Kurs mit freien Plätzen, so findet man derzeit frühestens im April 2026 freie Plätze. „Reuschlings Backstubb“ war auferstanden – wie Phönix aus der Asche.

Der „Grundkurs Sauerteig – Vom Mehl zum Brot in 3 Tagen“ kann auch als Team-Event gebucht werden. Bei den öffentlichen Kursen stehen sechs bis acht aktive Plätze zur Verfügung, weitere Plätze für „inaktive“ Zuschauende sind als Partnerpaket buchbar.

Im November/Dezember wieder Plätzchenkurse

Zu Weihnachten werden unter anderem Lebkuchenhäuser gebacken
Zu Weihnachten werden unter anderem Lebkuchenhäuser gebacken © Reuschlings Backstubb

In der Weihnachtszeit (November/Dezember) bietet Sissy Hoffmann dann auch wieder Plätzchenkurse an – gemeinsam werden Tricks und Kniffe erlernt, um Traditionsgebäcke wie Zimtsterne, Makronen oder Lebkuchen herzustellen. Auch gemeinsames Stollenbacken und Schokoladen-Workshops gab es bereits.

Neuer, alter Laden öffnet erstmals beim Brückenfest

In Zukunft soll dann auch das ehemalige Ladengeschäft, das dafür gerade renoviert und hergerichtet wurde, ins Kursgeschehen eingebunden werden, denn: Die Backstube ist zwar urgemütlich, aber doch sehr beengt. Mit der Hinzunahme der 50 Quadratmeter des alten Ladens, der am Brückenfest-Sonntag von 13 bis 17 Uhr erstmalig die Türen öffnen wird, entstehen neue Möglichkeiten. 250 Quadratmeter umfasst der gesamte Komplex inklusive Lager. Hier sollen nicht nur Teile der Kurse stattfinden, Sissy Hoffmann schwebt vor, dass der Laden eine Art Begegnungsstätte wird – sie kann sich hier neben Kursen und Vorträgen auch gut Lesungen und kleinere Konzerte vorstellen.

Sissy Hoffmann und Mireil Abi Nader in der Backstubb.
Inhaberin und "Chefin" Sissy Hoffmann und ihre "gute Seele" Mireil Abi Nader in der alten und heimeligen "Backstubb" © Sabine Glinke

Unterstützt wird Hoffmann bei ihrem Projekt von verschiedenen Personen – vor allem aber von Mireil Abi Nader, deren Dienst-T-Shirt zurecht die Aufschrift „Gute Seele“ trägt. Sie ist derzeit Hoffmanns rechte Hand. Ein Zufall brachte die beiden zusammen: „Eines Tages stand sie mit ihrem Mann hier in der Backstube und das passte“, sagt Hoffmann. Mireil Abi Nader stammt aus dem Libanon. Ihr Mann Dominic Hirschfelder ist Konditormeister und Chocolatier. In Beirut betrieb er eine Schokoladen- und Eismanufaktur. Die schwere Explosion im Hafen von Beirut 2020 brachte die Beiden dazu, die dortigen Zelte abzubrechen und nach Deutschland zu kommen. Mireil Abi Nader hat im Libanon als Schauspielerin und Filmproduzentin gearbeitet – in Reuschlings Backstubb hat sie nun eine neue Berufung gefunden.


Bereits die zweite „Auferstehung“

Doch auch für Sissy Hoffmann ist die Backstubb seit der Wiederbelebung ein Ort der Versöhnung. Es ist in der Geschichte des Betriebes das zweite Mal, dass sie ihn wie Phönix aus der Asche auferstehen lässt. Denn: Die Bäckerei hat bewegte Zeiten hinter sich. Zwischendurch befand sie sich einmal außerhalb der familiären Hände, war verpachtet. Rückwirkend betrachtet keine gute Idee. Es folgte die Insolvenz, der Name Reuschling und die entsprechenden Produkte waren in Wetzlar verbrannt. Es war Sissy Hoffmann, die den Familienbetrieb dann doch übernahm, kaufmännisch wieder auf die Bahn brachte und den Ruf des Namen Reuschling wieder aufbaute. Alles nebenberuflich, denn hauptberuflich arbeitete sie damals in Frankfurt am Oberlandesgericht. Sie schaut sich in der Backstube um, die ein wenig wirkt wie ein Museum – von den modernen Backöfen einmal abgesehen. „Hier war nicht immer alles leicht“, sagt sie heute, „doch jetzt bin ich hier angekommen. Ich mache das alles hier heute so, wie ich das möchte, in meinem Tempo“. Wenn sie heute hier sei, dann habe das etwas Heilsames und Versöhnliches. Das jetzige Konzept biete ihr die Möglichkeit, Dinge auszuprobieren und zu schauen, was und wieviel sie anbiete. Ohne Druck. „Wenn es mir zu viel wird, biete ich eben einen Kurs weniger an“. Für die Kurse und die Backstubb sucht sie ohnehin noch kreative Mitstreiter, die Kurse anbieten und ihr Wissen weitergeben möchten.

Infos & Kursbuchung:

Alle Kurstermine, Anmeldeformular sowie alle Neuigkeiten rund um die Backstubb gibt es unter www.reuschlings-backstubb.de.