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Eingang des Palais' Papius.
Eingang des Palais' Papius. © Axel Schneider

Geschichte und Konzept

Die Anfänge der Sammlung der Europäischen Wohnkultur der Renaissance und des Barock sind in den späten 1920-er-Jahren zu suchen, als der Ankauf von Mobiliar für Wohnung und Arztpraxis zur Leidenschaft Dr. Irmgard Freiin von Lemmers-Danforths wurden. Mit dem Wunsch, ein Panorama des bürgerlichen und höfischen Wohnens anzusammeln und zu zeigen, gerieten bald auch die Bereiche des Kunsthandwerks, der Malerei, Plastik und Textilkunst in den Blick der Sammlerin. So trug sie bis zu ihrem Tod im Jahr 1984 rund 450 Stücke zusammen.
1963 stiftete sie der Stadt Wetzlar große Teile ihrer Sammlung, die vier Jahre später im Adelspalais des ehemaligen Kameralassessors Johann Hermann Franz von Pape (1717 - 1793), genannt Papius, einzogen. Präsentiert wurden die Objekte dort seither in sogenannten Stilräumen, die sich weitestgehend einer Epoche und einer Kunstlandschaft widmen. Irmgard von Lemmers-Danforth selbst veranlasste diese Ausstellungsanordnung, die sich am Konzept der period rooms orientierte. Geläufig war der Sammlerin dieses Präsentationsschema des 19. Jahrhunderts von ihren Besuchen im ehemaligen Kaiser-Friedrich-Museum in Berlin (heutiges Bode-Museum).
Blick in die Sammlung im Palais Papius.
Blick in die Sammlung im Palais Papius.
Auch die Präsentation nach der Neueröffnung 2012 folgt dem Ausstellungskonzept der Sammlerin. So gestaltet sich der Rundgang durch das Museum noch immer als ein Wandel durch die Kunstlandschaften und Zeitstile, der dem Ausstellungspublikum ein differenziertes wie qualitätvolles Bild des höfischen und bürgerlichen Wohnens gewährt.

Die Sammlerin

Die Sammlerin: Dr. Irmgard Freiin von Lemmers-Danforth
Die Sammlerin: Dr. Irmgard Freiin von Lemmers-Danforth

Die Sammlerin

Irmgard von Lemmers-Danforth wurde 1892 in Wilhelmshaven als Tochter des königlich-preußischen Bauinspektors und geheimen Oberbaurats Friedrich Wilhelm Johann Freiherr von Lemmers-Danforth geboren. Nach dem Abitur studierte sie auf der Grundlage ihrer Erfahrungen als Krankenschwester im Ersten Weltkrieg als eine der ersten Frauen Medizin. Ihre Approbation als Ärztin erhielt sie am 27. Mai 1925. Wegen der Nähe zum Elternhaus – die Eltern waren inzwischen nach Gießen umgesiedelt – ließ sie sich nach Anstellungen an Kinderkliniken in Augsburg und Saarbrücken 1928 als Kinderärztin in Wetzlar nieder. Wenige Jahre später begann ihre Sammeltätigkeit, deren Früchte sie der Stadt Wetzlar im Jahre 1963 vermachte.

Die Sammlerin: Dr. Irmgard von Lemmers-Danforth
Die Sammlerin: Dr. Irmgard von Lemmers-Danforth
Nach der Eröffnung der Ausstellung im Palais Papius bezogen auch die Sammlerin und ihre Lebenspartnerin Hildegard Pletsch im Jahr 1976 dort ihren Wohnsitz und führten fortan durch die Räume.

Im Jahr 1984 verstarb Dr. Irmgard Freiin von Lemmers-Danforth als Bundesverdienstkreuzträgerin und Ehrenbürgerin der Stadt Wetzlar. Ihre Lebensgefährtin folgte ihr im Jahr 2005.

Der Sammlungsbestand

Der Sammlungsbestand

Die Sammlung verfügt neben ihrem Hauptbestand an Möbeln und einer Anzahl an Bodenstanduhren über kleinere Bestände an Zinn-, Glas- und Emailarbeiten. Hinzu kommen einige Beispiele aus Malerei, Skulptur und Kleinplastik. Weitere Stärken der Sammlung liegen im Bereich der Textil- und Keramikkunst. Abgerundet wird die Sammlung durch Stücke des Gold- und Silberschmiedehandwerks im Stile frühneuzeitlicher Wunder- und Schatzkammern.

Durch diese Vielzahl an Objektgattungen wird die Entwicklung der Kunststile ebenso anschaulich wie die der Kunstlandschaften: Die Sammlung führt von der Renaissance über den Barock bis zum Rokoko, durch Italien, Frankreich, die Schweiz, Deutschland und die Niederlande.
Hierin spiegelt sich der Leitgedanke der Sammlerin, die verschiedenen Erzeugnisse der Tischlerkunst und des Kunsthandwerkes selbst die Geschichte der Wohnkultur vom 16. bis zum 18. Jahrhundert erzählen zu lassen. Über diesen Bezugsrahmen der Alltags- und Kulturgeschichte hinaus macht die Sammlung jedoch auch sozialgesellschaftliche, handels- und politik-, konsum- und mentalitätsgeschichtliche Aspekte sichtbar. Über die Räume hinweg lässt sich die Geschichte des Geschmacks ebenso nachvollziehen wie die Emanzipation des Handwerkers zum Künstler. So lädt der Sammlungsbestand in seiner eindrücklichen Materialität dazu ein, den immateriellen Qualitäten und Kontexten der Objekte nachzuspüren.

Das besondere Exponat

Bildteppich, Südliche Niederlande, letztes Viertel 16. Jahrhundert
Bildteppich, Südliche Niederlande, letztes Viertel 16. Jahrhundert

Das besondere Exponat

Eine Baumallee, Blumenbeete, Vögel zwischen Ziersträuchern - diese Sicht erschließt sich nicht nur beim Blick in den neu angelegten Garten des Palais Papius, sondern auch im Inneren des Palais: auf einer der eindrucksvollen Tapisserien aus dem späten 16. Jahrhundert.

Wie vor einem Fenster eröffnet sich auf dem Wandteppich aus den südlichen Niederlanden das Panorama eines Renaissancegartens: Unser Blick fällt durch einen von Karyatiden getragenen und von Weinreben umrankten Laubengang auf eine herrschaftliche Parkanlage. Einige Paare haben sich unter dem Dach eines kleinen Rundtempels versammelt, hinter dem sich ein Schlossbau erhebt. Im Vordergrund streben höfisch gekleidete Flaneure einem Lautenspieler zu. Gerne wurden erzählfreudige Tapisserien wie diese in Räumen der Geselligkeit, beispielsweise im Speise- oder Gartensaal, aufgehängt.

Außer einem schönen Anblick spendeten sie dabei zum einen Wärme. Zum anderen erweiterten sie den Raum mithilfe augentäuschender Perspektivkonstruktion, dem sogenannten trompe-l’oeil. So erfüllte die Bildwirkerei schmückende wie praktische Zwecke und erlaubte ihren Betrachtern, sich selbst in der Natur zu wähnen. Dieser spielerische Kunstgriff tut auch heute noch seine Wirkung – auszuprobieren in der Sammlung von Lemmers-Danforth, insbesondere in der kühleren Jahreszeit.

Hier finden Sie die Sammlung Lemmers-Danforth.
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