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Provenienzforschung

Die Provenienzforschung in öffentlichen und privaten Museen und Sammlungen hat seit 1998 mit der Washingtoner Erklärung  große Bedeutung erlangt. Die Bundesrepublik Deutschland als eines von 44 unterzeichnenden Staaten verpflichtete sich, Kunstwerke, die ihren Besitzern während der Zeit des Nationalsozialismus unrechtmäßig entzogen wurden, ausfindig zu machen, deren rechtmäßige Eigentümer zu suchen und faire und gerechte Lösungen zu finden. Die den meist jüdischen Opfern zwischen 1933 und 1945 geraubten  Kunstwerke gelangten zu großer Zahl  in den Besitz öffentlicher und privater Sammlungen. Nachdem in der Zeit nach 1945 nur unzureichend Rückgaben erfolgten, wurde die Erforschung der Geschichte und Herkunft eines Kunstwerks mit der Washingtoner Erklärung zu einem zentralen Forschungsfeld der Museumsarbeit.

Laufendes Projekt: Städtische Museen Wetzlar – Sammlung von Lemmers-Danforth

Zeitraum: Dezember 2017 –  Juni 2019

Kooperationspartner: Stiftung Deutsches Zentrum Kulturgutverluste, Magdeburg

Projekttyp: Systematische Erschließung von Sammlungsbeständen

Ziel: Klärung der Provenienzen der Sammlung von Lemmers-Danforth, Städtische Museen Wetzlar

Inhalt: Die Sammlung von Lemmers-Danforth ist eine von der Kinderärztin Dr. von Lemmers Danforth in den Jahren zwischen 1928 und 1984 zusammengetragene Privatsammlung von Möbeln und Kunsthandwerk des 16.- 18. Jahrhunderts, die nach dem Tod der Sammlerin 1984 in den Besitz der Stadt Wetzlar überging. Im Jahr 2000 geriet die Sammlung erstmals durch den Artikel „Jüdisches Raubgut in Wetzlar ? Die Sammlung Lemmers-Danforth – ein zeittypischer Fall“ in der Neuen Zürcher Zeitung vom 9.2.2000 in den Fokus der Aufmerksamkeit. Seitdem erfolgten in den letzten 10 Jahren und insbesondere verstärkt seit 2012 mehrere Rückgabeforderungen.

Für zahlreiche Objekte der Sammlung die Provenienz ist in Hinblick auf verfolgungsbedingte Enteignung während der NS-Zeit weiterhin noch lückenhaft und ungeklärt. Die Erforschung der in ihrer Provenienz unzureichend belegten und problematischen Objekte der Sammlung die Provenienz in Hinblick auf verfolgungsbedingte Enteignung während der NS-Zeit weiterhin noch lückenhaft. Die Erforschung der in ihrer Provenienz unzureichend belegten und problematischen Objekte der Sammlung wird seitens der Stadt Wetzlar als sinnvoll und geboten erachtet, um intern wie extern Transparenz herzustellen.

Seit dem 15.12. 2017 ist daher der Kunsthistoriker und Provenienzforscher Dr. Udo Felbinger im Rahmen eines durch die Stiftung Deutsches Zentrum Kulturgutverluste geförderten 18-monatigen Werkvertrags für die Städtischen Museen Wetzlar tätig, um die Provenienzen aller Sammlungsstücke auf Verdachtsfälle zu überprüfen.

Das Projekt wird von der Stiftung Deutsches Zentrum Kulturgutverluste gefördert.

Abgeschlossenes Projekt: Ermittlung der Provenienz von zwei Werken aus der Sammlung Lemmers-Danforth

Zuwendungszweck
Titel des Projektes: Ermittlung der Provenienz von zwei Werken aus der Sammlung Lemmers-Danforth: Stifterscheibe „Knieender Kanonikus / Stifterscheibe Knieender Ritter

Recherche- und Forschungsprojekt: kurzfristig gefördert

Projektdauer und Berichtszeitraum
Gesamtdauer des geplanten Projektes: 15.02.2017 – 15.04.2017
hier: Abschlussbericht

Projektkosten, gefördert durch die Stiftung Deutsches Zentrum Kulturgutverluste, Magdeburg
Projektkosten insgesamt: 6000,- €.  
bewilligte Mittel / Zuwendungssumme in Höhe von: 6000,- €
laut Kosten- und Finanzierungsplan des Antrages auf Förderung vom 15.12.2016

Autor des Berichts: Dr. Katja Terlau

Objekt: Stifterscheiben mit den Motiven „Kniender Kanonikus“ (a) und „Ritter“ (b)
Herkunft: Südwestdeutschland ?
Datierung: um 1470-80
Material: Weißes und polychromes Hüttenglas, abgestufte Schwarz- und Braunlotmalerei
Maße: a) H 48,1 B 40,3 (Kat. Koeppe 1992, Nr. GE 10a)
b) H 47,2 B 40,3 (Kat. Koeppe 1992, Nr. GE 10b)
Inv. Nr.: a) 18/20w5 b) 18/206

Provenienz:

  • um 1470-80/1490 entstanden
  • vor 1930 Sammlung Eduard Ritter von Grützner, München
  • 1930, ab 24. Juni Auktion Hugo Helbing, München, Kat. Nr. 212 und 213, Tafel VII (zusammen für 2000,- verkauft)
  • bis 1935 Sammlung Ottmar Strauss, Köln
  • 1935, 22.-24.5. Auktion Hugo Helbing, Frankfurt am Main, Kat. Nr. 279 und 280, Tafel 44; Käufer “Lemmers“ (für 720,- + 700,- RM verkauft)
  • seit Mai 1935 Sammlung Dr. Irmgard Lemmers-Danforth
  • seit 1963 Stadt Wetzlar, Städtische Museen

Gegenstand der im Rahmen einer kurzfristigen Maßnahme geförderten Untersuchung waren die beiden Stifterscheiben, Glasgemälde aus der Sammlung Lemmers-Danforth, die auf einer Auktion des Auktionshauses Hugo Helbing  vom 21. bis 24. Mai 1935 versteigert wurden. Die Glasgemälde mit den Motiven „Kniender Kanonikus“ und „Ritter“ bestehen aus weißem und polychromem Hüttenglas mit abgestufter Schwarz- und Braunlotmalerei. Die Angabe zur Provenienz im Katalog von W. Koeppe (Die Lemmers-Danforth-Sammlung Wetzlar, Europäische Wohnkultur aus Renaissance und Barock, Heidelberg 1992, S. 302) verwies lediglich darauf, dass die Stücke vor 1963 auf einer unbekannten Auktion erworben wurden. Die Provenienz zwischen 1935 und 1963 sollte in Hinblick auf einen Erwerb der beiden Stücke auf der Auktion von 1935 durch die Sammlerin  Irmgard von Lemmers-Danforth geprüft werden, um den weiteren Verbleib oder die Restitution der Stücke aus Anlass der am 4.10.2016 gestellten Rückforderung der Erben Strauss über die Anwaltskanzlei Trott zu Solz Lamek  an die Stadt Wetzlar zu klären. Im Rahmen eines zweimonatigen Werkvertrags wurde die Kunsthistorikern Dr. Katja Terlau beauftragt, die seit Februar 2017 Untersuchungen zum Verbleib der beiden Stifterscheiben seit 1935 durchführte. Sie kam bezüglich der Provenienz zu folgenden Ergebnissen: Die beiden Stifterscheiben befanden sich ursprünglich in der Sammlung Eduard Ritter von Grützner, München, wurden jedoch 1930 in der Auktion bei Hugo Helbing, München angeboten und ab dem 24. Juni beide zusammen für 2000,- RM versteigert.

Sie  gelangten dann in die Kunstsammlung des Kölner Industriellen und Geheimrat Ottmar Strauss (1878-1941).  Bevor Strauss 1936 offiziell in die Schweiz emigrierte, wurden zwischen 1934 bis 1935 große Teil der Sammlung in drei Auktionen bei Hugo Helbing in Frankfurt am Main versteigert. Im 45. Katalog der dritten Auktion, die vom 21. bis 24. Mai 1935 stattfand, sind die beiden Glasgemälde jeweils als „Stifterscheibe“ mit Beschreibung, Maßen und Provenienzangaben unter der Nummer 279 und 280 aufgeführt und auf Tafel 44 abgebildet. Laut einem Preisbericht der Auktion in der Zeitschrift „Die Weltkunst“, wurden beide Werke bei dieser Versteigerung verkauft: Nr. 279 erzielte 720,- RM und Nr. 280 für 700,- RM, also zusammen 1420,- RM.

Ein Katalogexemplar der genannten Auktion in heutigem Privatbesitz wurde damals mit handschriftlichen Angaben mit Bleistift versehen und enthält weitere Informationen zu Preisen und Käufern. So steht unter der Nummer vor beiden Werke jeweils die Angabe „1.000,-„ rot unterstrichen, unter dem jeweiligen Eintrag erneut „1.000,-„ und hinter einer zusammenfassenden Klammer „vorh. 2.000“. Diese Angaben beziehen sich auf die Auktion von 1930, in der beide Stifterscheiben zusammen für 2.000 RM verkauft wurden. Sicherlich lagen diese Preise als Schätzpreise für diese erneute Auktion zugrunde. Dem Eintrag Nr. 279 folgt der handschriftliche Eintrag „720 Lemmers“ und hinter Nr. 280 steht „700 Lemmers“, womit auch die aktuell erzielten Preise und der Käufer zu den Werken vermerkt wurden.

Demnach lagen die Verkaufspreise von 1935 eindeutig unter denen von 1930. Bei dem Käufer „Lemmers“ handelt es sich um die Kinderärztin Dr. Irmgard Freiin von Lemmers-Danforth (1892-1984), Wetzlar, die auch bereits auf einer vorherigen Helbing-Auktion Kunstwerke von Ottmar Strauss für ihre eigene Sammlung ersteigert hatte. Auf einer alten Aufnahme ihrer Wohnräume von 1955/1960 sind die beiden Glasgemälde an der rechten Wand unterhalb eines Fensters zu erkennen. 

Die Recherchen von Frau Dr. Terlau führten folglich zu dem Ergebnis, dass die Lücke in der Provenienz in den fraglichen Jahren zwischen 1935 bis 1983 geschlossen werden konnte, da sich der Nachweis erbringen ließ, dass die Sammlerin die Stifterscheiben auf der fraglichen Auktion von der Sammlerin ersteigert wurden und die Glasgemälde seitdem Bestandteil ihrer Sammlung waren.

Frau Dr. Giehlen in Vertretung der Anwaltskanzlei Trott zu Solz Lamek hat der Stadt Wetzlar in Abstimmung mit ihren Mandanten den Vorschlag unterbreitet, einen Preis zur Erwerbung vorzuschlagen. Dies ist in Abstimmung mit dem Rechtsamt und dem Kulturdezernenten erfolgt auf der Basis von Recherchen zu internationalen Auktionsergebnissen zu vergleichbaren Glasgemälden in den letzten 5 Jahren. Falls die Preisvorstellungen auf beiden Seiten stark voneinander abweichen sollten, ist geplant, die Stifterscheiben an die Erben der Sammlung Ottmar Strauss zu restituieren.

Bei Abschluss der Verhandlungen ist geplant, in Anwesenheit von Frau Dr. Giehlen einen offiziellen Pressetermin in Wetzlar zu veranstalten, auch sollen die Ergebnisse dann auf der Webseite der Stadt, der Städtischen Museen, im Halbjahresprogramm und über die Presse bekannt gemacht werden. 

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