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Außenansicht vom Wohnhaus der Charlotte Buff
Außenansicht vom Wohnhaus der Charlotte Buff © Wetzlar.de

Geschichte

Neben der Ordensherberge und der Zehntscheune wurde als Verwalterhaus der Marburger Deutschordensniederlassung in Wetzlar im Jahre 1653 ein drittes Gebäude errichtet. Die noch heute gebräuchliche Bezeichnung „Lottehaus“ erhielt das Haus in späterer Zeit, nachdem 1863 Wetzlarer Bürger dort eine Gedenkstätte für Charlotte Kestner, geb. Buff, eingerichtet hatten. Johann Wolfgang Goethe lernte Charlotte Buff in seiner Wetzlarer Zeit als Praktikant am Reichskammergericht während der Sommermonate 1772 kennen. Sie inspirierte ihn – als ein Teil des autobiografischen Hintergrunds – zu der Hauptfigur der „Lotte“ in seinem ersten Roman „Die Leiden des jungen Werthers" (1774).

Der Deutschordenshof

Der Deutschordenshof zu Wetzlar
Der Deutschordenshof

Der Deutschordenshof zu Wetzlar

Lange bevor Charlotte Sophie Henriette Buff am 11. Januar 1753 das Licht der Welt erblickte, wurde ihr Elternhaus als Verwaltergebäude des Deutschen Ordens erbaut. Im Jahr 1285 stimmte der Hochmeister des Deutschen Ordens der Neugründung einer Niederlassung in Wetzlar zu, Marburger Ordensbrüder erwarben ein innerstädtisches Gelände vom Wetzlarer Marienstift, bebauten es und zogen mit einem kleinen Konvent in das „Haus Wetzlar“ ein. 1293 wird erstmals ein eigener Vorsteher der Niederlassung Wetzlar erwähnt. Erst in der frühen Neuzeit ging die Verwaltung des Wetzlarer Hauses von Ordensangehörigen auf weltliche Bedienstete des Deutschen Ordens über, die dann als „Verwalter“ oder „Amtmänner“ bezeichnet werden.

Die Komturei als das wohl älteste Gebäude auf dem Ordenshof - die der heiligen Elisabeth geweihte Ordenskapelle befand sich 1293 noch im Bau, die große Zehntscheune wurde erst um 1535 errichtet - war als Unterkunft den Ordensleuten vorbehalten, die das Haupthaus Marburg zur Aufsicht nach Wetzlar entsandte. Es wurde also die Errichtung eines eigenen Wohn- und Dienstgebäudes für die nun ständig anwesenden Verwalter erforderlich. Ein solches Gebäude wurde 1653 in Fachwerkbauweise errichtet und erscheint auf älteren Plänen als „dass hölzerne Haus“ oder „Wohnhaus wo der Verwalter wohnt".

Als Heinrich Adam Buff 1740 als Verwalter in den Dienst des Deutschen Ordens trat und die Führung der Wetzlarer Ordensgeschäfte übernahm, war das Verwalterhaus bereits über achtzig Jahre alt. Nachdem er zehn Jahre „im unverheurateten Stand dem Hohem Orden unter thänig gedient“ hatte, erwirkte er am 13. August 1750 die Erlaubnis zur Heirat mit Magdalena Feyler. Zwei Jahre zuvor hatte er Pläne für die Erweiterung und Modernisierung des Verwalterhauses eingereicht.

Ohne Frage forderte die rasch wachsende Familie mehr Raum. Sechzehn Kinder, von denen elf das Erwachsenenalter erreichten, wurden dem Ehepaar Buff geschenkt. Ein Jahr nach der Geburt des letzten Kindes verstarb 1771 die Mutter und hinterließ die vielköpfige Familie, die überwiegend aus Kleinkindern und Kindern bestand, in einer schwierigen Lage. Bekanntlich vertrat Charlotte, die zweitälteste Tochter, die Mutterstelle an den Geschwistern, die sich offenbar bald an diese Situation gewöhnten. Der Familienüberlieferung nach erhielt Lotte, wie sie im Hause gerufen wurde, das kleine Zimmer neben dem Staatszimmer, von diesem durch eine Tapetentüre getrennt. In den übrigen Zimmern in diesem Stockwerk dürfte eine drangvolle Enge geherrscht haben, selbst wenn mehrere der kleinen Kinder zur Nacht jeweils gemeinsam ein Bett benutzten.

Charlotte Sophie Henriette Buff

Charlotte Kestner, geb. Buff
Charlotte Kestner, geb. Buff (1753 - 1828), Pastellgemälde von Joh. Heinrich Schröder

Charlotte Sophie Henriette Buff

Charlotte Sophie Henriette Buff (* 11. Januar 1753 in Wetzlar, † 16. Januar 1828 in Hannover) ging als „Lotte“ in Johann Wolfgang Goethes Roman
„Die Leiden des jungen Werthers“ ein.

Ihre Eltern waren der Wetzlarer Kastnereiverwalter und Amtmann des deutschen Ordens Heinrich Adam Buff (1711 - 1795) und seine Frau Magdalena Ernestina Feyler (1731 - 1771). Charlotte Buff war die zweitälteste von insgesamt 16 Geschwistern. Nach dem frühen Tod der Mutter kümmerte sie sich um ihre jüngeren Geschwister.

Seit 1768 inoffiziell verlobt, heiratete sie fünf Jahre später, am 4. April 1773, den hannoverschen Legationssekretär Johann Christian Kestner (* 28. August 1741 in Hannover, † 24. Mai 1800 in Lüneburg). Er war bereits 1767 als Gesandtschaftssekretär am Reichskammergericht in Wetzlar tätig, später als königlich großbritannisch-hannoverscher Hofrat und Vizearchivar in Hannover.

Goethe lernte Lotte auf einem Tanzfest kennen: Am 9. Juni 1772 veranstaltete Goethes Wetzlarer Großtante Lange einen Ball im Jagdhaus in Volpertshausen bei Wetzlar. Zu diesem Ball sollte Goethe Charlotte Buff abholen. Bald war er ihr stärker als nur freundschaftlich zugeneigt.

Goethe hatte sowohl zu den Geschwistern als auch zu Charlottes Verlobtem Johann Christian Kestner ein sehr gutes Verhältnis. Dennoch musste Goethe erkennen, dass seine Empfindungen zu Charlotte Buff nicht erwidert werden konnten, und er verließ Wetzlar nach nur vier Monaten. Goethe hinterließ drei Abschiedsbriefe und verarbeitete die Trennung literarisch in seinem Briefroman „Die Leiden des jungen Werthers“.
Das Lottehaus von innen.
Das Lottehaus von innen. © Wetzlar.de

Ständige Ausstellung

Das Lottehaus präsentiert Bildnisse der Familie Buff, Gegenstände des persönlichen Bedarfs, aber auch bürgerliches Mobiliar und Hausrat des 18. Jahrhunderts. Drei Räume des Hauses sind Goethes Werk gewidmet, die neben internationalen Werther-Ausgaben des 18. bis 20. Jahrhunderts auch Druckgrafik und Gemälde mit literarischen Motiven des Romans zeigen. Neben dem Erstdruck des „Werther“ machen Nachahmungen, Streitschriften, Parodien und Übersetzungen in der Dauerausstellung die Wirkung des Romans in seiner Zeit spürbar – das bald nach Erscheinen des Romans einsetzende sprichwörtliche „Werther-Fieber“. Das Jerusalemhaus in Wetzlar bildet sozusagen das literaturhistorische Pendant zum Lottehaus. Hier lebte Karl Wilhelm Jerusalem, der als Vorbild des „Werther“ in die Geschichte einging.

Karl Wilhelm Jerusalem

Karl Wilhelm Jerusalem
Karl Wilhelm Jerusalem, Pastell, Kopie nach einem Porträt, um 1770

Karl Wilhelm Jerusalem

Karl Wilhelm Jerusalem war der Sohn des bekannten evangelischen Theologen und Pädagogen Johann Friedrich Wilhelm Jerusalem. Er wurde am 21. März 1747 in Wolfenbüttel geboren.

Der vielseitig interessierte, philosophie-, kunst- und literaturbegeisterte Jerusalem studierte seit 1765 Jura an der Universität Leipzig und lernte bereits in dieser Zeit Goethe kennen.
Sein Studium schloss er 1769 in Göttingen ab und wurde 1770 zum Assessor an der herzoglich-braunschweigischen Justizkanzlei in Wolfenbüttel ernannt.

1771 ging Jerusalem als Legationssekretär der braunschweigischen Gesandtschaft zum Studium der Prozessführung am Reichskammergericht nach Wetzlar und traf dort Goethe wieder.



Differenzen mit seinem Vorgesetzten und Zurücksetzungen aufgrund seiner bürgerlichen Herkunft durch die adlige Gesellschaft trugen zum persönlichen Missempfinden Jerusalems bei. Die unglückliche Liebe zur Gattin des kurpfälzischen Geheimen Sekretärs Herd, in der Wetzlarer Gesellschaft ruchbar geworden, schwächten seine gesellschaftliche Position zusätzlich.

Jerusalem beging am 29. Oktober 1772 in seiner Wohnung am heutigen Schillerplatz 5 Selbstmord und erlag am nächsten Tag seiner Schussverletzung. Die Wohnung dient heute als Memorialstätte (Jerusalemhaus). Karl Wilhelm Jerusalem fand als Vorbild für die Hauptfigur Eingang in Goethes Briefroman „Die Leiden des jungen Werthers“.

Das "Werther-Fieber"

Kupferstich von Johann Wolfgang von Goethe
Bildnis Johann Wolfgang Goethes, Kupferstich von J. G. Saiter nach einem Gemälde von J. D. Bager, 1773
Goethes Roman "Die Leiden des jungen Werthers" gilt als bedeutendster Roman der Epoche des Sturm und Drang und weckte bereits kurz nach seinem Erscheinen 1774 zur Leipziger Buchmesse reges Interesse, so dass er schon kurze Zeit später in hohen Auflagen gedruckt wurde.

Das Buch spaltete die Leserschaft: Einerseits empfanden bürgerliche und kirchliche Kreise es als Bedrohung der geltenden Moral, andererseits bildete sich bald eine große und begeisterte Anhängerschaft heraus. Unter Jugendlichen avancierte Werther zu einer Kultfigur: Man kleidete sich in gelben Hosen, gelber Weste, blauem Rock wie Werther oder in Lotte-Manier im weißen Kleid mit blassroten Schleifen. Die Meißner Porzellanmanufaktur reagierte auf die Modeerscheinung mit der Herstellung der Werther-Tasse. Unter anderem Tee- und Kaffeekannen zeigten Motive nach dem Roman und fanden bei Sammlern großen Anklang.

Accessoires wie Schmuck und Fächer wurden mit Romanszenen nach künstlerischen Vorlagen illustriert.

Goethe selbst wies aufgrund der heftigen Reaktionen auf seinen Roman darauf hin, dass man nur Trost, jedoch keinen Ansporn zum Suizid aus seinem Briefroman ableiten sollte.

Das "Werther-Fragment"

Werther-Fragment
Werther-Fragment
Nur ein Fragment des Werther-Manuskripts blieb erhalten, es befindet sich im Goethe- und Schiller-Archiv der Klassik Stiftung Weimar.

"Sie sind durch ihre Hände gegangen, sie hat den Staub davon geputzt, ich küsse sie tausendmal, sie hat euch berührt, und du Geist des Himmels begünstigst meinen Entschluß, und reichst mir das Werkzeug, du, von deren Händen ich den Todt zu empfangen wünschte und ach nun empfange.

Sie zitterte sagte mein Bedienter als sie ihm die Pistolen gab.
O - Herr sagte der gute Junge eure abreise thut euren Freunden so leid. Albert stand am Pulten ohne sich um zu wenden sagte er zu Madame. Gib ihm die Pistolen, sie stund auf und er sagte: ich lass ihm glückliche Reise wünschen, und sie nahm die Pistolen und putzte den Staub sorgfältig ab und zauderte und zitterte ..."

Goethes Roman "Die Leiden des jungen Werthers" erschien 1774 in Leipzig. Erstausgaben sind im Lottehaus zu sehen.
Lottehaus und Jerusalemhaus ergänzen als literarische Gedenkstätten die Goethemuseen in FrankfurtDüsseldorf und Weimar.

Hier finden Sie das Lottehaus.
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