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Das Jerusalemhaus
Das Jerusalemhaus © Wetzlar.de

Geschichte des Gedenkzimmers

Das „Jerusalemhaus“ ist als zweite literarische Gedenkstätte das Gegenstück zum Lottehaus. Benannt wurde das Gebäude nach dem Legationssekretär Karl Wilhelm Jerusalem, der hier bis zu seinem tragischen Selbstmord im Jahr 1772 wohnte und Vorbild für Goethes Romanfigur des „Werther“ wurde.


Der Buchdrucker Georg Ernst Winckler (1656 - 1728) kam 1694 von Herborn nach Wetzlar, nachdem das Reichskammergericht 1689 von Speyer nach Wetzlar verlegt worden war und 1693 seine Arbeit aufgenommen hatte.

Dieser Umzug war für ihn wirtschaftlich äußerst lukrativ, nachdem sich der Bedarf des Gerichts an gedruckten Formularen und anderen Drucksachen vervielfachte. Winckler erwarb das Gebäude als Wohnhaus und richtete in einem weiteren, an den Hinterhof grenzenden Haus die erste Druckerei in Wetzlar ein.

Karl Wilhelm Jerusalem

Karl Wilhelm Jerusalem, Pastell, Kopie nach einem Porträt, um 1770
Karl Wilhelm Jerusalem, Pastell, Kopie nach einem Porträt, um 1770

Karl Wilhelm Jerusalem

Karl Wilhelm Jerusalem war der Sohn des bekannten evangelischen Theologen und Pädagogen Johann Friedrich Wilhelm Jerusalem. Er wurde am 21. März 1747 in Wolfenbüttel geboren.

Der vielseitig interessierte, philosophie-, kunst- und literaturbegeisterte Jerusalem studierte seit 1765 Jura an der Universität Leipzig und lernte bereits in dieser Zeit Goethe kennen.
Sein Studium schloss er 1769 in Göttingen ab und wurde 1770 zum Assessor an der herzoglich-braunschweigischen Justizkanzlei in Wolfenbüttel ernannt.

1771 ging Jerusalem als Legationssekretär der braunschweigischen Gesandtschaft zum Studium der Prozessführung am Reichskammergericht nach Wetzlar und traf dort Goethe wieder.

Differenzen mit seinem Vorgesetzten und Zurücksetzungen aufgrund seiner bürgerlichen Herkunft durch die adlige Gesellschaft trugen zum persönlichen Missempfinden Jerusalems bei. Die unglückliche Liebe zur Gattin des kurpfälzischen Geheimen Sekretärs Herd, in der Wetzlarer Gesellschaft ruchbar geworden, schwächten seine gesellschaftliche Position zusätzlich.

Jerusalem beging am 29. Oktober 1772 in seiner Wohnung am heutigen Schillerplatz 5 Selbstmord und erlag am nächsten Tag seiner Schussverletzung. Die Wohnung dient heute als Memorialstätte (Jerusalemhaus). Karl Wilhelm Jerusalem fand als Vorbild für die Hauptfigur Eingang in Goethes Briefroman „Die Leiden des jungen Werthers“.

"Die Leiden des jungen Werther"

Bildnis Johann Wolfgang Goethes, Kupferstich von J. G. Saiter.
Bildnis Johann Wolfgang Goethes, Kupferstich von J. G. Saiter, nach einem Gemälde von J. D. Bager, 1773.

"Die Leiden des jungen Werther"

In Goethes Roman „Die Leiden des jungen Werthers“ berichtet der junge Werther seinem Freund in Briefen über den tragischen endenden Verlauf seiner Liebe zu der anderweitig gebunden „Lotte“, der mit seinem Freitod endet.

Goethe führte zwei reale Personen aus seiner Wetzlarer Zeit fiktiv zusammen. Während der vier Sommermonate 1772 als Praktikant am Reichskammergericht hatte er sich unglücklich in die bereits verlobte Charlotte Buff verliebt, die ihm als Vorbild für die Romanfigur der „Lotte“ diente. Das Motiv für den tragischen Ausgang der Liebe, die Selbsttötung Werthers, lieferte dem jungen Dichter jedoch - wenige Monate nach seiner Abreise – der Suizid des Legationssekretärs Karl Wilhelm Jerusalem.

Die Erstausgabe, im Herbst 1774 in der Weygandschen Buchhandlung anonym erschienen und auf der Leipziger Buchmesse präsentiert, erregte gleich großes Aufsehen. Eine überarbeitete und erweiterte Fassung folgte 1787.
Die Nachfrage war so groß, dass bald Raubdrucke und Übersetzungen in die wichtigsten europäischen Sprachen erschienen. Kein weiteres Buch Goethes wurde von so vielen seiner Zeitgenossen gelesen.

Das Werther-Fragment

Werther am Schreibpult, Aquarell nach J. D. Schubert, 1788
Werther am Schreibpult, Aquarell nach J. D. Schubert, 1788

Das Werther-Fragment

Nur ein Fragment des Werther-Manuskripts blieb erhalten, es befindet sich im Goethe- und Schiller-Archiv der Klassik Stiftung Weimar.
"Sie sind durch ihre Hände gegangen, sie hat den Staub davon geputzt, ich küsse sie tausendmal, sie hat euch berührt, und du Geist des Himmels begünstigst meinen Entschluß, und reichst mir das Werkzeug, du, von deren Händen ich den Todt zu empfangen wünschte und ach nun empfange.

Sie zitterte sagte mein Bedienter als sie ihm die Pistolen gab.
O - Herr sagte der gute Junge eure abreise thut euren Freunden so leid. Albert stand am Pulten ohne sich um zu wenden sagte er zu Madame. Gib ihm die Pistolen, sie stund auf und er sagte: ich lass ihm glückliche Reise wünschen, und sie nahm die Pistolen und putzte den Staub sorgfältig ab und zauderte und zitterte ..."

Goethes Roman "Die Leiden des jungen Werthers" erschien 1774 in Leipzig. Erstausgaben sind im Lottehaus zu sehen.
Werther-Fragment
Werther-Fragment
Silhouettenbildnis des Karl Wilhelm Jerusalem, um 1770
Silhouettenbildnis des Karl Wilhelm Jerusalem, um 1770

Das "Werther-Fieber"

Bildnis Johann Wolfgang Goethes.
Bildnis Johann Wolfgang Goethes, Kupferstich von J. G. Saiter nach einem Gemälde von J. D. Bager, 1773.

Das "Werther-Fieber"

Goethes Roman "Die Leiden des jungen Werthers" gilt als bedeutendster Roman der Epoche des Sturm und Drang und weckte bereits kurz nach seinem Erscheinen 1774 zur Leipziger Buchmesse reges Interesse, so dass er schon kurze Zeit später in hohen Auflagen gedruckt wurde.

Das Buch spaltete die Leserschaft: Einerseits empfanden bürgerliche und kirchliche Kreise es als Bedrohung der geltenden Moral, andererseits bildete sich bald eine große und begeisterte Anhängerschaft heraus. Unter Jugendlichen avancierte Werther zu einer Kultfigur: Man kleidete sich in gelben Hosen, gelber Weste, blauem Rock wie Werther oder in Lotte-Manier im weißen Kleid mit blassroten Schleifen. Die Meißner Porzellanmanufaktur reagierte auf die Modeerscheinung mit der Herstellung der Werther-Tasse. Unter anderem Tee- und Kaffeekannen zeigten Motive nach dem Roman und fanden bei Sammlern großen Anklang.

Accessoires wie Schmuck und Fächer wurden mit Romanszenen nach künstlerischen Vorlagen illustriert.

Goethe selbst wies aufgrund der heftigen Reaktionen auf seinen Roman darauf hin, dass man nur Trost, jedoch keinen Ansporn zum Suizid aus seinem Briefroman ableiten sollte.
Um 1740 wurde das Fachwerkhaus erweitert und erhielt seine charakteristische Doppelerkerfassade. Im zweiten Stock des zwischen 1984 und 1986 renovierten Gebäudes bezog Karl Wilhelm Jerusalem 1772 eine zwei Räume umfassende möblierte Mietwohnung; Jerusalem war seinerzeit als braun-schweigischer Legationssekretär am Reichskammergericht tätig.

Die Gedenkzimmer zeigen neben bürgerlichem Mobiliar des 18. Jahrhunderts grafische Bildnisse, Landkarten und Druckschriften mit zeitlichem und persönlichem Bezug zu Karl Wilhelm Jerusalem. Neben der literarischen Memorialstätte befindet sich im Jerusalemhaus die Museumsverwaltung sowie die von der Wetzlarer Goethe-Gesellschaft verwaltete Goethe-Werther-Bücherei. Lottehaus und Jerusalemhaus ergänzen als literarische Gedenkstätten die Goethemuseen in FrankfurtDüsseldorf und Weimar.

Das besondere Exponat

Karl Wilhelm Jerusalem an seinen Vater, 30. November 1771.
Karl Wilhelm Jerusalem an seinen Vater, 30. November 1771.
Den Städtischen Museen ist es in Kooperation mit dem Historischen Archiv der Stadt Wetzlar gelungen, beim Basler Auktionshaus Moirandat eine sensationelle Neuerwerbung für die Stadt zu ersteigern:

Es handelt sich um ein in Wetzlar verfasstes Autograf des braunschweigischen Legationssekretärs Karl Wilhelm Jerusalem. Er ist als reales Urbild des literarischen „Werther“ in Goethes Roman „Die Leiden des jungen Werther“ weltberühmt geworden. Aspekte seines Lebens und Leidens sowie sein daraus resultierender Selbstmord flossen in den Roman ein. Karl Wilhelm Jerusalem ist die museale Gedenkstätte in dessen ehemaligem Wohnhaus, dem so genannten Jerusalemhaus, am Schillerplatz gewidmet.

Der Brief Jerusalems datiert vom 30. November 1771 und ist an den Vater, den evangelischen Theologen Johann Friedrich Wilhelm Jerusalem, adressiert. Sein Sohn beklagt sich darin über falsche Verleumdungen durch seinen Vorgesetzten am Reichskammergericht und die Ohnmacht, sich gegen ihn zu wehren.

Zwei Tage vor der Auktion hatte die Leiterin des Historischen Archivs Dr. Irene Jung im Auktionskatalog diesen Autograf von Karl Wilhelm Jerusalem entdeckt und die Städtischen Museen darüber informiert.

In Abstimmung mit allen zuständigen Personen wurde rasch beschlossen, diese seltene und herausragende Gelegenheit wahrzunehmen. Zwei Tage später konnte der Brief dann erfreulicherweise zum Mindestgebot von 6.000 Schweizer Franken (5.000 Euro) von den Städtischen Museen Wetzlar ersteigert werden. Zu sehen ist der Brief im Jerusalemhaus.

Sonderführung

„… erschießen mag ich mich vor der Hand noch nicht.“
Goethe schreibt Briefe
Führung mit Lesung im Lottehaus und Jerusalemhaus, Leitung: Katharina Lehnert-Raabe
Dauer: ca. 1 Stunde, max. 15 Teilnehmer/innen, Preis: 40 Euro zuzüglich Museumseintritt

„… zu einem Kleide ponceau roth Velvet und eine Garnitur goldener Knöpfe …“
Versuch einer Annäherung an Karl Wilhelm Jerusalem
Führung mit Lesung im Jerusalemhaus, Leitung: Katharina Lehnert-Raabe
Dauer: ca. 1 Stunde, max. 15 Teilnehmer/innen, Preis: 40 Euro zuzüglich Museumseintritt

Auskunft & Buchung: Museumsverwaltung, Telefon 06441 99-4131

Hier finden Sie das Jerusalemhaus.
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